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AICA: Kunst im öffentlichen Raum

Seit wann gibt es die sogenannte Form der Kunst im öffentlichen Raum?
Ende des 20. Jahrhunderts entstand eine neuartige Kunstpraxis: „ Die Kunst verlässt die für sie reservierten Räume, sie begibt sich an Orte außerhalb der Museen, Kunsthallen und Galerien und situiert sich im Stadtraum. Die Kunstpraxis, die gewöhnlich unter dem unpräzisen Begriff ´Kunst im öffentlichen Raum´ diskutiert wird, steht unter dem Vorzeichen der Ortskonstruktion  und-reflexion und zielt im Idealfall auf die interventionistische Herstellung einer emphatischen Öffentlichkeit.“ (Heinz Schütz: Stadt.Kunst, Regensburg 2001) 

Was kann Kunst im öffentlichen Raum bewirken?
Gleichgültigkeit, Ignoranz, Interesse, Engagement, Kontroverse, wie es in Luxemburg die anhaltenden Debatten um die Gelle Fra  („Lady Rosa of Luxembourg“ von Sanja Ivekovic, 2001) zeigte, die im Gegensatz zu der beliebigen „Art on cows (2001)“ die Gemüter über lange Zeit erhitzte.

Sammelsurium von bunter Vielfalt
Ähnliche Phänomene lassen sich auch im Ausland beobachten, in Gelsenkirchen waren es 125 Kunstpferde, in Bad Oeynhausen Kunstschweine und in Berlin tobte der Bär.
Eine andere Variante ist in Hamburg zu beobachten, dort ist es die Lust der Stadtväter am Poppigen, sie möchten Brachflächen mit einer Hummelschaukel von Jeff Koons kaschieren: „Seit vielen Jahrzehnten werden Künstler als Wundärzte des Urbanen eingesetzt, als Spezialisten für zugige Kreuzungen, öde Fassaden oder unbelebte Passagen. Wo immer die Architektur versagt, sollen sie das Ungestaltete gestalten und mit abstrakten, schweigenden Skulpturen der Stadt zu neuer Aura verhelfen.“ ( Hanno Rauterberg in „Die Zeit“ vom 20.3.2003).
Sollte sich die Kunst im öffentlichen  Raum auf eine derartige Rolle reduzieren lassen?
Soll sie harmonisierend wirken, oder soll sie gar verunsicherte Bürger beruhigen?
Soll sie die Krise des Stadtraums beschönigen?
Soll der Künstler quasi in der Rolle des  Sozialtherapeuten schlüpfen?
Ist Kunst nicht vielleicht besser in den geschützten musealen Räumen zuhause?

Die vorangehenden Fragen belegen, Kunst im öffentlichen Raum hat  ähnliche Probleme wie das Denkmal, die Skulptur, die auf eine wesentlich längere Geschichte im  Stadtkontext zurückblicken können:
„Kein Künstler, egal mit welchen Mitteln er den öffentlichen Raum betritt, vermag noch zu sagen, was denn dieser Raum für einen Wert hat, wie und wo sich dort Öffentlichkeit antreffen, gar erzeugen lässt, und was das Private noch vom Nichtprivaten scheidet.  Vergeblich sucht die Kunst nach verbindlichen Vorstellungen von dem was Stadt  bedeutet. Uns also kann sie dort keine Verbindlichkeit und nichts Bindendes mehr anbieten.“  Hanno Rauterberg in „Die Zeit“ vom 20.3 2003)

In welchem Verhältnis zueinander stehen Kunst und Stadt?
„Das Territorium der Stadt ist angeeignete Natur...Kunst begegnet im Stadtbild als Decorum der Gebäude, als Denkmal und Brunnen, als Relief und freistehende Skulptur und trägt mit ihren Bildprogrammen zur Verklärung der Stadt und ihrer Bauherren bei. D.h.: Die Stadt wird in den Bildern anwesend, die Stadt wiederum greift die Bilder auf und formt sich nach deren Entwürfen. Und: Als Teil der Stadtinszenierung weist sie der Kunst an den Wänden, Säulen und Portalen, in den Gebäuden, Höfen und Gärten, auf den Strassen und Plätzen ausgewählte Orte zu.“ (Heinz Schütz: Stadt.Kunst, Regensburg 2001) 
 
Gräbt die Architektur der Kunst das Wasser ab?
Zahlreiche modische Tendenzen belegen, das die Architektur sich in gewissen Feldern bemüht selbstverliebte Monumente zu kreieren, das wiederum führte zu einer sich verselbständigten Koketterie des Architekten mit dem Skulpturalen. Grossformatige Arbeiten im Aussenraum Genuas belegen dies: „ Während das rekonstruierte ´Teatro del Mondo“ von Aldo Rossi  den alten Hafen von Genua im Geist de Chiricos zu verzaubern sucht und Anselm Kiefers weisses, für die tugendhafte Römerin Cornelia auf der Piazza San Matteo erbautes Steinhaus dem gotischen Herzen der Stadt  einen noch morbideren Zug verleiht, inszeniert Renzo Piano im Corvetto-Park Originalbauteile seines Kulturzentrums Nouméa auf Neukaledonien wie ein Kunstwerk.  Hans Hollein hingegen verweigert sich mit seinem ´Goldenen Kalb`, welches die Piazza Fontane Marose in surrealistische Schieflage bringt, den Dialog von Architektur und Kunst. Schliesslich prophezeit Rem Koolhaas mit seiner im Hof des Palazzo Lomellino präsentierten Skulptur der Togok Towers nicht ohne Ironie, das die Architektur nach der Kunst wohl bald auch die Natur auffressen wird.“
(Roman Hollenstein in der NZZ vom 25.11.2004)

Kunst im öffentlichen Raum Luxemburgs
„Sous les Ponts“  2001
Kirchberg
Skulpturenweg Naturpark Obersauer 

Kritische Einwände
„Kunst im öffentlichen Raum ist allgegenwärtig – als ob die Addition zweier Tode ein Leben ergäbe“ (Rem Koolhaas, Die Stadt ohne Eigenschaften)

Ina Helweg-Nottrot